Ketamin-Erfahrungsbericht

Ketamin, intravenös Appliziert, etwa 25 ml, zuhause, zu zweit

Dies ist ein Erfahrungsbericht. Er wurde durchlebt und aufgeschrieben. Zwischen der Ketamin-Erfahrung und dieser Publikation liegt einige Zeit. Die Notizen, welche ich ich mir damals gemacht habe, sind die Grundlage für diesen Bericht. Er soll nicht nur persönliche Aufarbeitung sein, sondern auch der zeitlosen DNA dieser Erfahrungen seinen Beitrag dafür zu leisten, dass die gemachten Erfahrugen eben nicht ausschließlich rein persönlicher Natur sind – also einen kollektiven Inhalt transportieren.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es hier mit archetypischen Inhalten zu tun haben. Deshalb „kollektiver Inhalt, kollektive Erfahrungen„.

Dosierung, Vertrauen und Vorbereitung

Chriss hatte also mit mir schon sehr hohe Dosen LSD und MDMA genommen und war sich sicher, dass ich mit dieser Dosierung zurecht kommen würde. Diese 25 ml sind allerdings nicht als eine Art Richtwert zu verstehen! Wer so viel Ketamin plötzlich im Körperkreislauf hat, macht adhoc gravierende und nicht mehr rückgängig zu machende Realitätsveränderungen durch.

Ich legte mich sofort auf das Bett. Das schaffte ich geragde noch so. Und dann ging es los. Ich hatte alles vorher zurechtgelegt und bekam gerade noch mit, dass ich sicher in meinem Bett gelandet war.

Der Ketamin-Trip – aus erster Hand

Ich legte mich also auf mein Bett. Das war vorher schon klar und alles – also Kissen, Bettzeug und alles andere drumherum – war so angeordnet, dass ich mich einfach „fallen lassen konnte“.

Zunächst bemerkte ich, dass nicht nur meine visuelle Wahrnehmung erhebliche Veränderungen an mir vornahm. Ich konnte den Raum um mich herum gar nicht mehr einordnen – alles verschwamm‘ zu einer visuellen Achterbahnfahrt unbekannter Phantasmagorien. Mein Gefühl für meinen Körper ging mir verloren. Ich wusste Augenblicklich nicht mehr, wo oben, unten, rechts oder links war. Dazu kam eine sehr potente Beeinflussung meines akkustischen Hörvermögens.

Es lief Musik im Hintergrund, es verschwammen optische und akkustische Reize zu einem nie da gewesenem Konglomerat unübersichtlicher und fremdartiger Informationen, Bilder und Emotionen, die mein Gehirn nicht mehr in der gewohnten Art und Weise verarbeiten konnte.

Diese Beschreibung wird jedoch bei Weitem nicht der nun folgenden Erfahrung gerecht. Da ich in der Vergangenheit schon sehr hohe Dosen, z.B. von LSD oder Psilocybin genommen hatte, war sich Chriss auch sicher, dass ich mit der von ihm verabreichten Dosis, keine Probleme haben würde. Allerdings lassen sich kaum bis keine Korrelationen zu den bekannten Psychedelika nennen. Die gemachten, eindeutig halluzinatorischen Erfahrungen, entprachen so gar nicht dem, was ich erwartet hatte, oder was ich kannte.

Das Universum, die Frauen und alles andere

Ich „schoss“ wie eine Rakete durch etwas, dass man auch das Universum bezeichnen kann. Wobei ich keinen Eindruck länger halten konnte. Ich war dieser Flut an Farben, Bildern und Metamophosen völlig ausgeliefert. Ob ich eine Amöbe war, oder eine Zelle, oder dezentrales Bewusstsein – ich kann es nicht sagen. Einen Gedanken „zu fassen“ war in diesem Moment nicht möglich.

Bald aber erinnerte ich mich auch an eine Freundin, die ich sehr attraktiv fand und zu der ich mich in dieser Zeit wirklich sehr hingezogen fühlte. Und „Plums“ hatte ich „Celina“ vor mir und begann einen Dialog mit ihr. Ich teilte ihr alles mit, was ich bisher vermieden hatte. Das, was mich bis heute beschäftigt, ist nicht etwa die „Realität“ der nun folgenden Auseinandersetzung – sie fand ja innerhalb eines drogeninduzierten Rausches statt – sondern die Plastizität der Situation und der offenkundige multuidimensionale Aspekt der Erfahrung.

Ich war in einer Situation, in der „Celina“ direkt vor mir stand, und ich ihr meine Gefühle offenbarte. Das war aber keine „plumpe Anmache“, so nach dem Motto: Hey, ich finde dich wirklich toll“ – es war zeitgleich ein Dialog, ein Monolog, ein aus den verschiedensten Perspektiven bestehender, viel-dimensionaler Gesprächsaustausch, der in Bruchteilen von Sekunden, jede auch nur erdenkliche Position einnahm (oder war ich es?). Ich war nicht nur Sprecher, ich war auch Zuhörer und ich war die dritte Person, welche dieses Gespräch beobachtete und bewertete. Ich war auch jemand, der aus einer noch tieferen Dimension auf das Offenbarte schaute. In jedem Augenblick war ich Viele.

Und ich verarbeitete jede Information in dem Moment als sie mich erreichte. Ich hatte Zugang zu wirklich jedem Aspekt unserer Beziehung – die es ja zu dem Zeitpunkt gar nicht gab. Sie (die Beziehung) war eine Idee in mir, mehr nicht. Aber, tapfer ging ich alle Aspekte – nicht nur meiner emotionalen Lage – sondern auch ihrer möglichen Antworten und Implikationen durch. Es war eine sehr emotionale Erfahrung, die mir gezeigt hat, dass Ketamin nicht nur ein Anästhetikum ist.

Jederzeit, auch danach, war ich mir zwar bewusst, dass die Erfahrung eine Subjektive ist. Trotzdem habe wurde ich eine zeitlang den Gedanken einfach nicht los, dass „Celina“ irgendetwas von dieser Erfahrung auch hätte mitbekommen müssen (im Traum oder so). Das ging soweit, dass ich mir wirklich überlegte, diese, im Ketaminrausch gemachte Erfahrung, in der so genannten Realität, auf die Probe zu stellen, indem ich sie irgendwas fragen würde, was ich vermeindlicherweise Wissen sollte.

Ketamin ermöglicht eine Introspektion der eigenen inneren Räume. Das können ja nun viele Substanzen, denken wir nur an MDMA oder LSD. Beim Ketamin allerdings ist die Steuerungsfähigkeit so weit herabgesetzt, dass man sich am Besten einfach mitreisen lässt von dem induzierten Rausch. Ich glaube nicht, dass man wirklich „Ziele“ bewusst ansteuern kann.

Vielleicht ist es möglich vorher etwas „zu beabsichtigen„, auf das man dann im Rausch wartet, ohne es zu erzwingen. Wer weiß.

Ein Freund – das Wichtigste im Leben

Irgendwann war ich mir nicht mehr sicher, wo ich mich eigentlich aufhalte (also, ich fragte mich: wo bin ich eigentlich? Ich denke, dass hatte was mit Sicherheit zu tun). Ich schaute auf die Wand, weil da ein Bild hing, welches mir sehr bekannt vorkam. Kurz dachte ich: hat Chriss etwa dasselbe Bild an der Wand hängen? Zum Glück wusste ich mit großer Gewissheit, dass Chriss im Raum sein musste und so rief ich seinen Namen: „Chriss?“, „Ja?“, „Chriss, wo sind wir? „Dicker, keine Panik, wir sind bei dir zuhause!“, Puh!

Man war ich froh, dass Chriss da war!

Realitätscheck. Der Begriff „Restrealität“ ging mir durch den Kopf und ich lachte. Restrealität.Ach, ne – wir sind ja bei mir zuhause.

Chriss? Ja? Das ist eeeecht heftig!

Chriss lag inzwischen neben mir und hielt meine Hand. Er versuchte eine emotionale Verbindung zu mir aufzubauen. Hinterher waren wir uns einig, dass das nicht geklappt hat. Das war auch nicht weiter schlimm. Mir sagte das aber, dass er so etwas in der Vergangenheit schon einmal gemacht hat.

Die Dichte an Informationen war einfach unbeschreiblich hoch und ich konnte nur sehr wenig mit „rüber nehmen“. Die Dauer des Trips ist sehr überschaubar. So ein Ketamintrip endet nach etwa 10 bis 15 Minuten. Bis man wieder „richtig“ Denken kann dauert es nochmal so lange. Beim Abklingen hatte ich das Gefühl, dass Ketamin vielleicht so etwas wie ein schamanistisches Werkzeug werden könnte. Ich hatte zwar keine Ahnung wie, aber der erste Eindruck hat mich einfach nur umgehauen.

Wer auf LSD schon einmal die „Dekonstruktion des Ich“ miterlebt hat – also so etwas wie eine Entpersonalisierung – der muss keine Angst vor dieser Form der Selbsterfahrung haben. Heute glaube ich fest daran, dass eine der grundlegenden Bestandteile dieses Rausches, eben dieses Auflösen des eigenen Persönlichkeitskerns ist. Wer sich mit dieser Thematik auskennt, der weiß, dass dies eine sehr schöne Erfahrung ist. Zumal das „Ich“ eine höchst fragile Instanz im Bewusstsein ist, auf die man getrost auch mal verzichten kann.

Wer aber daran hängt, oder nicht weiß, worum es jetzt hier geht, der sollte besser die Finger vom Ketamin in dieser Form lassen.

ketamin-erfahrungsbericht
Ketamin-Erfahrungsbericht
Ketamin-Erfahrungsbericht

Zurück in der so genannten Realität – mit Stolperfallen

Das Ganze hat nur wenige Minuten gedauert. Irgendwer hat irgendwann den Fernseher an gemacht. Ich erschrak, weil ich die Worte des Sprechers nicht richtig erfassen konnte. Ich hörte zwar, dass die Sprache eindeutig deutsch war – auch konnte ich grob den Kontext erfassen – aber immer wieder rutschten mir einzelne Worte durch den Verstand, die ich immer wieder wiederholte und doch keinen Sinn in ihnen fand. Ich schmunzelte. Und ich wusste, dass mit dem Abklingen des Ketamin, auch wieder meine Fähigkeit, Sinn im Gehörten zu erkennen, wiederkehren würde.

Die Dekonstruktion des „ICH’s“ ist unter dieser hohen Dosis von Ketamin die Regel und nicht eine Ausnahme. Und genau das macht diese Erfahrung so einzigartig. Sie ist angstfrei dann möglich, wenn man auf die eigene Identität verzichten kann. Weder vor der verabreichten Dosis, noch vor dem, was dann kommt, sollte man Angst haben.

Und wer nicht weiß, was „Dekonstruktion des ICH’s“ bedeutet, sollte diese Erfahrung nicht unbedingt machen oder suchen. Sie ist dann gefährlich, weil man unter Umständen die Zeit damit verbringt, die Angst vor dem eigenen Tod zu verarbeiten oder zu verdrängen. Oder man macht sonstwas. Ich weiß es nicht. In dieser Dosierung ist das etwas für erfahrene Leute.

(die Redaktion bedankt sich für diesen mutigen und ausführlichen Bericht!)

Links zum Thema Ketamin und Depressionen

Informationen auch unter: Neue Hoffnung für Depressive in der „Welt“ vom 10.03.2014.

Ketamin hilft bei Depressionen: Deutsches Ärzteblatt vom 25.04.2018

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