„Narcotic City Project“ in Berlin

Hans Cousto

Das Narcotic City Project untersucht die Diskurse, Imaginationen, Praktiken und Folgen des öffentlichen Drogenkonsums von den 1970er Jahren bis heute mit einem Fokus auf west- und mitteleuropäische Städte. Vom 23. bis zum 26. März 2022 veranstaltete das Narcotic City Project eine Tagung im Aquarium im Südblock am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg. Referenten diverser Projekte aus ganz Europa berichteten von der Situation in ihren Städten und diskutierten Perspektiven zur Lösung anstehender Probleme. Ein Schwerpunkt der Tagung war das Thema Drug-Checking. Auch eine Besichtigung des Görlitzer Parks stand auf dem Programm. Da die Veranstaltung im Aquarium bedingt durch die Pandemie unter strikter 2G++Regeln (geimpft, genesen, getestet und mit Mundnasenschutz) stattfand, entwickelten sich Treffen im Görlitzer Park als Alternativen für Besprechungen und dem Erfahrungsaustausch in lockerer Atmosphäre.

Drug-Checking

Im Aquarium stellte Prof. Dr. Thomas Bürk von der IB Hochschule für Gesundheit und Soziale Arbeit Berlin drei engagierte Persönlichkeiten aus der Praxis des Drug-Checkings vor. Der bekannteste ist wohl August de Loor von der Stichting Adviesburo Drugs in Amsterdam, der im Winter 1987-1988 begann vor Ort auf Partys Drogen zu testen. Er gilt als Erfinder des Drug-Checkings im Kontext von Partys. Dann waren noch der Chemiker Guy Jones (The Loop / Reagent Test, London) und die Psychologin Helena Valente (Kosmicare, Lissabon) mit von der Partie. Kosmicare hat vor allem auf dem Boom Festival, das größte und bekannteste Psytrance-Festival in Portugal, vielfältige Erfahrungen beim Drug-Checking sammeln können. Die Gesprächsrunde wurde auf Video aufgezeichnet. Da es sich um eine internationale Veranstaltung handelte, war die Konferenzsprache Englisch.

Gesprächsrunden im Görlitzer Park

Der Görlitzer Park, kurz „Görli“ genannt, war ein idealer Ort für Gesprächsrunden dieser Tagung. Dies nicht nur, weil er international bekannt ist als Treffpunkt für Kiffer und Dealer und dort auch große Kifferversammlungen an Tagen wie dem 20. April (4:20) oder dem Global Marijuana March stattfinden, sondern weil der Park in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ein zentraler Treffpunkt für Psychonauten war. In der Görlitzer Straße 71 war das Am­bientcafé Nautilus direkt am Park gelegen. Dort wurde im Oktober 1994 Eve & Rave Berlin gegründet, ein Verein zur Förderung der Party- und Technokultur und zur Minderung der Drogenproblematik. Und dort, in der Nautilus, konzipierte Eve & Rave Berlin sein Drug-Checking-Programm und dort wurden im Februar 1995 die ersten Ergebnisse der Analysen der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf der anderen Seite des Parks war der KitKat Club in der Glogauer Straße 2 angesiedelt, der 1994 noch Turbine hieß und ab 1995 KitKat genannt wurde. Das KitKat entwickelte sich zu einem der bekanntesten Clubs von Berlin. Die Raver pendelten damals so stets vom KitKat Club durch den Görlitzer Park in das Am­bientcafé Nautilus und wieder durch den Park zurück. Natürlich wurde auch im Park gefeiert.

Außer den oben genannten Teilnehmer der Diskussionsrunde im Aquarium trafen sich im Park unter anderem der Chemiker Daniel Martins von Kosmicare aus Portugal, eine Studentengruppe der Technischen Universität Berlin und Hans Cousto (Autor dieser Zeilen), Mitbegründer von Eve & Rave Berlin und Eve & Rave Schweiz. Eve & Rave Berlin ist seit langem nicht mehr aktiv, Eve & Rave Schweiz feierte letztes Jahr sein 25jähriges Jubiläum und war maßgeblich an der Etablierung von Drug-Checking in der Schweiz beteiligt. Das Drug-Checking von Eve & Rave wurde stark von den Erfahrungen von August de Loor geprägt, wie man in den Ergebnissen einer Informationsreise von Eve & Rave Berlin im März 1995 nachlesen kann. Berlin hatte in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die besten Voraussetzungen in Sachen Drug-Checking und Schadensminderung beim Drogengebrauch eine führende Metropole zu werden, doch die Politik hat die Chance nicht wahrgenommen und die Weiterentwicklung des Drug-Checkings verhindert. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert herrscht diesbezüglich in Berlin tote Hose.

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