Suchthilfe für Kiffer – eine Kritik

Konsumkompetenz oder Abstinenz?

„Es fordert zuviel Denken, Geradheit, Wissen und Selbstkritik, als dass ein Arzt als Hauptziel seiner Arbeit gerade die Verhütung derjenigen Krankheit ansieht, von deren Heilung er lebt“
Wilhelm Reich

Es gibt kein nicht–politisches Projekt, genau wie jedes Handeln immer auch ein politisches Handeln ist. Die Akzeptanz sozialer Verhältnisse, auch in der beruflichen Arbeit mit den Voraussetzungen ebendieser Vorgaben, ist eingebettet in eine politische Verantwortung, auch für Andere – gerade wenn diese Berufe mit einem sozialen Auftrag verbunden sind.

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Wenn in diesem Zusammenhang „Toleranz“ dazu führt, dass die bestehenden Verhältnisse nicht zu einer Verbesserung in der konkreten Situation der Hilfesuchenden führt, sondern dazu dient, marktwirtschaftliche Interessen einiger weniger Institutionen durchzusetzen, ist der Auftrag mit dem in sozialen Berufen gearbeitet wird, verfehlt und der Begriff der Toleranz ist pervertiert worden. In diesem Zusammenhang kann nur mit der Ultima Ratio gehandelt werden und die Selbstbestimmungsrechte des Einzelnen dürfen nicht an Paradigmen geknüpft werden. Konzeptionelle Vorgaben therapeutischer Einrichtungen, die ungeachtet individueller Inanspruchnahme durchgesetzt werden, erinnern an veraltete und autoritäre Strukturen, die als längst überwunden gelten.

Gerne bezeichnet man unsere Kultur als aufgeklärt, vergisst dabei allerdings, dass ein jeder berufen ist, sich selbst aufzuklären und nicht von übergeordneten Institutionen aufgeklärt werden muss, an die er sich hilfesuchend wendet. Dies gilt umso mehr für therapeutische Einrichtungen.

Das etablierte Suchthilfesystem ist ein Drehtürverfahren mit langfristiger Kundenanbindung. Das Ziel heutiger „Suchttherapien“ ist nicht, dem Betroffenen eine Konsummoral oder eine Konsumkompetenz zu vermitteln – vielmehr werden hier, unter strengen marktwirtschaftlichen Bedingungen, Konzerne am Leben erhalten – und das unter dem Deckmantel der „sozialen Arbeit“.

Die Anzahl der 35er-Anträge (Therapie statt Strafe) nimmt stetig ab und insgesamt ist zu beobachten, dass es immer weniger Heroinabhängige hier in Berlin gibt, die Therapie machen.

Cannabiskonsumenten in der Therapie


Die Neuorientierung auf die Zielgruppe „Cannabiskonsumenten“ hat zur Folge, dass heute mehr Kiffer als jemals zuvor in Suchttherapien landen. Gerechtfertigt wird das, indem man behauptet, dass heute der Wirkstoffgehalt im verkauften Cannabis (Haschisch) höher wäre als jemals zuvor. Das ist allerdings durch mehrere Studien schon seit langem widerlegt.
(Zitat: „Die in den Massenmedien verbreiteten Behauptungen, dass sich die Cannabisstärke in den letzten Jahrzehnten um das Zehnfache oder mehr erhöht hat, werden durch die beschränkt vorliegenden Daten aus den USA oder Europa nicht bestätigt“ – Quelle:Stand der Drogenproblematik in der Europäischen Union.)

Auch die Behauptung, dass Cannabis Psychosen auslösen könne, ist ein Argument für eine Pathologisierung von Kiffern. Es steht außer Frage, dass nahezu jede Substanz eine latent vorhandene Psychose zum Ausbruch bringen kann. Auch Alkohol.
(siehe: „Drogenpsychose“ bei Wikipedia)

Weiter wird behauptet, der Grund für die vermehrte Aufnahme von Haschischkonsumenten in Drogentherapien sei eine Veränderung der Konsumformen. Gemeint ist hier: Der heutige Kiffer raucht nicht mehr einfach nur eine Tüte, sondern „die Eimern ja sogar“ (Zitat „professioneller“ Suchttherapeuten – die müssen es ja wissen…). Das heißt, der User benutzt einen Eimer mit Chillum, um seinem Konsum zu frönen. Diese Konsumform ist wahrscheinlich so alt wie das Haschischrauchen selbst.

Auch wird seit Jahren behauptet, dass das Einstiegsalter unter Cannabiskonsumenten stetig abnimmt. Diese Behauptung wird seit 30 Jahren gebetsmühlenartig wiederholt. Da fragt man sich, ab wann denn im Mutterleib Einzelne schon mit dem Kiffen anfangen. Dabei ist das Einstiegsalter, oder die Ersterfahrung mit Cannabis im selben Mittel anzuordnen, wie es dem Konsum von Alkohol gleichkommt. Wir sprechen ier also von einem Alter zwischen 14- und 16 Jahren.

Letztlich ist das etablierte Suchthilfesystem ein Wirtschaftssystem. Auch hier müssen Arbeitsplätze erhalten werden. Auch hier geht es um Zielgruppen und langfristige Anbindungen von „Kunden“, die natürlich Patienten genannt werden. Dieses System unterscheidet sich durch nichts von großen Konzernen, die Gewinne erwirtschaften müssen, um bestehen zu können.

Wie man den inzwischen sehr jungen Menschen im Alter von 18 – 21 Jahren erklären will, dass eine „zufriedene Abstinenz“ die einzige Antwort auf ihr „Konsumverhalten“ ist, bleibt eine offene Frage. Zumal diese Menschen nach der Therapie wieder in eine soziale Wirklichkeit geschickt werden, die sich oft extrem von der dieser Therapeuten unterscheidet.

Wer sich solche Konzepte ausdenkt, sollte beachten, dass diese Menschen wieder in die „Berliner Plattenbausiedlung in Marzahn – mit Aussicht auf Hartz IV“ zurück müssen, wo sie herkamen. Hier eine „zufriedene Abstinenz“ einzufordern, klingt wie der reine Hohn. Da lasst die Menschen doch wenigstens kiffen. Alkohol ist wesentlich schädlicher und führt zu aggresivem Verhalten.

Es ist nur logisch, dass die meisten das nicht schaffen. Aber sie können ja eine „Auffangtherapie“ beantragen und wiederkommen…

Weiterführende Informationen zu Cannabis

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