Wirkstoffgehalt im Cannabis gestiegen?

Immer wieder wird über einen erhöhten Wirkstoffgehalt im gehandelten Cannabis gesprochen. Was ist dran an dieser Behauptung?

Vor Kurzem sprach ich mit einem Kiffer über den Wirkstoffgehalt im derzeitigen Haschisch, bzw. Marihuana. Interessanter Weise hatte er gerade eine stationäre Langzeittherapie gemacht und war sich sicher, von den dortigen Mitarbeitern verlässliche Angaben zu diesem Themenkomplex zu bekommen. „Das heutige Haschisch hat einen hundertfach höheren THC-Anteil als noch vor 20 Jahren“, behauptete der dortige Psychotherapeut beharrlich. Auf seine Frage hin, aus welcher Quelle er seine Informationen bezieht, sagte er, dass er im Zuge seiner Rehabilitation in Diskussionsrunden mehrfach von den ausgebildeten Psychotherapeuten und auch Ärzten auf einen Anstieg des Wirkstoffes THC hingewiesen wurde.

Diese sehr pauschal gehaltene Aussage wurde von keinem der anderen Mitklienten in Frage gestellt. Im Gegenteil: selbst die eher jungen (ehemaligen) Drogenkonsumenten unterstützten diese Behauptung, obschon ja kaum einer von ihnen die Qualität des vor 20 Jahren gerauchten Haschischs beurteilen kann.

Dieses Beispiel veranschaulicht lebhaft ein Dilemma, welches sich in der Diskussion über Drogen immer und immer wieder abspielt. Es hat sich eine regelrechte „Meinungs-Lobby“ gebildet, die stur eine völlig unbelegbare Aussage immer wieder wiederholt, bis sie von der Menge der Menschen als „wahr“ hingenommen wird. Am Ende sieht die Rhetorik dann so aus: „Wir alle wissen, dass der Wirkstoffgehalt des Cannabis‘ heute wesentlich stärker ist als in den siebziger Jahren…“

Was aber ist dran an solchen Aussagen und wie kommen sie zustande? Wer testet den Wirkstoffgehalt und wo? Macht ein höherer THC-Gehalt „schneller“ abhängig?

Richtig ist, dass vor etwa 10 Jahren neue Haschisch-Ersatz-Produkte wie „Spice“ oder „Maya“ auf dem Drogenmarkt auftauchten. Die ungeheuer starke Wirkung dieser Kräutermischungen veranlasste nicht nur das BKA, sondern auch die „Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen- und Drogensucht„, ebenso das „European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction“ (EMCDDA), sich mit den Inhaltsstoffen – die damals noch nicht verboten waren – auseinanderzusetzen. Bekanntlich kam nach einiger Zeit heraus, dass es sich bei den als Kräutermischungen vertriebenen Produkten in Wirklichkeit um synthetisch hergestellte Cannabinoide handelte. Heute sind die synthetisch hergestellten Cannabinoide weitestgehend bekannt (wie JWH 18,…) und werden regelmäßig im Anhang des BtMGs erfasst.

Synthetische Cannabinoide: molekulare Variation

Gerade das Verbot von traditionell angebautem „echtem“ Hanf hat sehr junge unerfahrene Menschen in den Konsum der damals noch erlaubten (weil nicht verbotenen) Kräutermischungen „Spice und Co“ getrieben. Die Logik für die jungen Leute zu der Zeit: „Nicht verboten, bedeutet ungefährlich“.

Da synthetische Cannabinoide gefährlicher sein können als das meist bekannte Delta-9-THC, begann an dieser Stelle erstmals eine öffentliche Debatte zu dem Thema „Wirkstoffgehalt im Cannabis“. Parallel dazu hört man immer wieder, dass es angeblich gentechnisch manipulierte Hanfsorten gäbe, die einen höheren THC-Gehalt haben als der Hanf, der früher angebaut wurde. Auch diese Lüge hält sich hartnäckig. Es gibt nun mal keinen gentechnisch veränderten Cannabis.

wirkstoffgehalt-cannabis
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Hochambitionierte Züchter allerdings haben es in den letzten 30 Jahren geschafft, durch gezielte Kreuzung bestimmter Sorten Cannabispflanzen zu züchten, die neben einem hohen Ertrag auch ein recht hohen THC- und CBD-Anteil aufweisen. Das Potenzial einer Cannabispflanze, überhaupt THC zu produzieren, ist in ihrem genetischen Bauplan festgelegt und liegt etwa zwischen 5 und 25 %. Konkret heißt das, genau wie vor 1.000 Jahren, enthält auch heute das Harz in der Blüte einer Cannabispflanze ganz grundsätzlich bis zu 25 % THC. Im Durchschnitt rauchen wir also heute Gras mit einem THC-Anteil von 12 – 17 %. Damals wie heute hat gepresstes Haschisch einen geringeren THC-Anteil. Der sogenannte „Platten-Marok“ hat im Durchschnitt einen THC-Anteil von 5 – 10 %. Jeder, der wirklich konkrete Zahlen zu diesem Thema einsehen möchte, kann sich sowohl bei der DBDD als auch bei der EMCDDA informieren.

Für das Jahr 2010 gibt die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) einen durchschnittlichen THC-Gehalt von 8,2 % für Gras und von 6,8 % für Haschisch an (Reitox-Report 2011). Im Vergleich mit den Angaben von 1997 zeigen sich insgesamt nur geringe Veränderungen, wobei der Wirkstoffgehalt des Marihuanas leicht gestiegen und der des Cannabisharzes sogar leicht zurückgegangen ist.«

Gemäß der Studie von P. B. Baker, K. R. Bagon und T. A. Gough, die im Jahre 1980 in der Zeitschrift »Bulletin on Narcotics« (Nr. 1/1980, S. 47-54) erschien, lag der durchschnittliche THC-Gehalt in untersuchten Haschischproben im Jahr 1978 bei 7,9 %. Der höchste Wert (26 %) wurde in einer Haschischprobe aus Indien festgestellt. Vor 30 Jahren wurden in Haschischsorten also ähnlich hohe THC-Gehalte vorgefunden wie in den letzten zehn Jahren. Früher wurde mehr Haschisch als Gras geraucht.

Macht Haschisch heute abhängiger als früher?

Zu der Frage, ob das heute verfügbare Haschisch abhängiger macht als früher, muss selbst das „European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction“ zugeben, im Dunkeln zu tappen:“ Aus den nationalen Berichten der Mitgliedstaaten geht hervor, dass die Behandlungsnachfrage wegen Cannabisabhängigkeit vermutlich auf eine Zunahme von Problemen, insbesondere im Zusammenhang mit intensivem Cannabiskonsum, zurückzuführen ist. Es sollte jedoch darauf hingewiesen werden, dass systematische und vergleichbare Daten über die Probleme von Cannabiskonsumenten weitgehend fehlen.“ (siehe: http://ar2004.emcdda.europa.eu/de/page109-de.html), interessant ist aber auch die Fachinformation „Wie gefährlich ist Cannabis?“ Metastudie von Frau Dr. Nicole Krumdiek (als Download unten verfügbar).

Jeder, der schon mal gekifft hat, weiß: ist der THC-Gehalt hoch, portioniert man geringer – nicht höher. Außerdem raucht man dann allgemein weniger. Man wird ja immer breiter. Man orientiert sich also – wie beim Alkohol – an der Konsumeinheit. Also ein „Kurzer“, wie ein Jägermeister, hat eine hohe Prozentzahl an Alkohol und ein entsprechend kleines Trinkgefäß.

Und: macht Alkohol heute abhängiger als vor 50 Jahren?

Kultur des Haschisch-Rauchens

Da es in unserer Gesellschaft keine klare Aufklärung zum Umgang mit Haschisch gibt, wissen viele junge Menschen einfach nicht, was ein risikoarmer Konsum ist, es gibt keine „Kultur des Haschisch-Rauchens“, aus der junge, zum Konsum entschlossene Menschen lernen könnten, wie ein ästhetischer, kontrollierter Cannabiskonsum aussieht – obwohl es ihn gibt. Jeder, der schon mal in Marokko oder in Nepal Urlaub gemacht hat, weiß das.

Das Fatale an dieser Situation ist, dass hier plötzlich ein „Problem“ im Raume steht, das es gar nicht gibt. Der erhöhte Wirkstoffgehalt im Cannabis ist eine Fehlinformation.

Diese Fehlinformation wird aber nicht nur von Psychotherapeuten und Ärzten weiter verbreitet, sondern auch im Bundestag genau so kommuniziert und paradoxerweise auch noch als Argument gegen eine Legalisierung benutzt. Das Perfide daran ist, dass sich derjenige, der eine solche Behauptung als „wahr“ deklariert, als unwissend outet, oder schlimmer noch, seine Position dazu benutzt, gezielt die Unwahrheit zu sagen, um das persönliche und öffentliche Meinungsbild zu beeinflussen.

Die pauschale Aussage: „der Wirkstoffgehalt von Cannabinoiden in irgendwelchen rauchbaren Produkten ist gestiegen“, ist allgemein betrachtet wahr. Aber eben nur unter den oben besprochenen Aspekten. Synthetische Cannabinoide wirken nun einmal stärker als natürliches THC.

Die allgemeine Aussage: „der THC-Gehalt im Gras ist heute höher als früher“, ist eine nicht zutreffende Verallgemeinerung: Der traditionell Angebaute Hanf hat damals wie heute einen genetisch festgelegten THC/CBD-Gehalt. Durch die gezielte Züchtung potenter Hanfsorten in technisch hochspezialisierten Zuchtsystemen, kann heute allerdings flächendeckend ein äußerst hochwertiges Haschisch angeboten werden, welches aufgrund seiner positiven Eigenschaften auf die Gesundheit des Menschen heute sogar in Apotheken erhältlich ist. Diese potenten Grassorten gibt es allerdings schon immer.

Heute werden Hanfsorten mit unterschiedlichen Geschmacks- und Geruchsnoten und auch unterschiedlichen Rauschqualitäten angeboten. Unter den Kennern und Liebhabern dieses Produkts hat sich eine Kultur entwickelt, wie sie sich nur unter Weinliebhabern wiederfindet.

Eine Übersicht natürlicher psychoaktiver Substanzen

Psychoaktive Substanzen haben den neugierigen Geist der Schamanen, Wissenschaftler, Künstler und Laien seit der Antike fasziniert. Während des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die chemische Zusammensetzung der wichtigsten psychoaktiven Drogen, wie Opium, Cannabis, Koka-und „Magic Mushrooms“, vollständig aufgeklärt. Die Wirkungsweise der Hauptbestandteile hat sich auch auf molekularer Ebene entschlüsselt. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Verwendung von pflanzlichen Drogen, wie Kava, Kratom und Salvia divinorum, über ihre traditionelle geografische und kulturelle Grenzen hinweg ausgedehnt.

Literatur zum Thema Cannabis

Theo Pütz – Cannabis und Führerschein: Die Zeiten, dass bekiffte Fahrer bei Verkehrskontrollen unbehelligt blieben, weil nur auf Alkohol kontrolliert wurde, sind lange vorbei – mit Schnelltests, Urinproben und Blutentnahmen können Polizei und Verkehrsbehörden heute jede Art von Drogenkonsum nachweisen und die Sanktionen, die bei einem positiven Nachweis drohen, sind meist schwerwiegender als bei einer Trunkenheitsfahrt. Neben grundsätzlichen Informationen zur Rechtslage (in D/A/CH), im Zusammenhang mit Drogen und Verkehrssicherheit liefert das Buch aktuelle Beispiele zur Praxis von Behörden und Justiz, zu den geltenden Grenzwerten, der Auswirkung auf Konsumenten und bietet Infos und Tipps zum Verhalten im „Ernstfall“. Vorwort von Mathias Bröckers.
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Ed Rosenthal-Marijuana Growers Handbuch

Ed Rosenthal-Marijuana Growers Handbuch: Dieses neu aus dem Amerikanischen übersetzte Growbuch fasst das aktuelle Wissen der Cannabispflanze auf über 500 Seiten zusammen: alle Methoden und effizientesten Techniken des Growings, der Ernte, der Nachbereitung und Verarbeitung sowie viele allgemeine Grundinformationen: die Wahl der richten Sorten, des Systems und Equipments um die Potenz wie auch die Erträge zu erhöhen.


Die Behandlung mit Cannabis und THC : Dieses Buch bietet umfassende, praktische Informationen und hilfreiche Tipps zur therapeutischen Verwendung von Cannabis und dem Cannabiswirkstoff Dronabinol (THC). Es behandelt sowohl die medizinischen Themen, wie Anwendungsgebiete, Dosierung, Nebenwirkungen, als auch darüber hinausgehende Aspekte, die bei einer Therapie mit Cannabisprodukten eine Rolle spielen können. Dazu zählen die rechtliche Lage, die der Frage der Kostenübernahme einer Behandlung mit Dronabinol durch die Krankenkassen, die ärztliche Schweigepflicht, Fahrtüchtigkeit und Fahreignung, sowie Anbau und Lagerung von Cannabis. Alle Themen werden von den Autoren aus ihrer langjährigen Erfahrung mit grosser Sachkenntnis und mit dem Augenmerk auf das Wesentliche behandelt.

PDF zum Thema: Natural psycedelic Products

Weiterführende Informationen zu Cannabis

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