Denn sie wissen nicht, was sie schlucken

Gernot Rücker: Erfahrungen eines Notarztes

Dr_Ruecker

VON CHRISTIAN HEINRICH
DIE ZEIT:

Sie behandeln als Notarzt auf Großveranstaltungen viele Drogenpatienten. Was macht Designerdrogen so gefährlich?

Gernot Rücker
Sie sind unberechenbar. Meist können nicht einmal die Hersteller sagen, wie sie wirken, geschweige denn die Verkäufer. Neue Designerdrogen ähneln häufig Amphetaminen, dem Hauptbestandteil von Ecstasy. Er führt zu Antriebssteigerung und Euphorie und ist verboten. Man muss ihn aber nur leicht verändern, beispielsweise durch Anbau einer Bromgruppe, und schon ist ein neuer Stoff entstanden, der legal ist. Oft hat der jedoch auch eine ganz andere Wirkung als der Ausgangsstoff. Er könnte Halluzinationen hervorrufen oder müde machen – oder im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein. Aus Konsumentensicht betrachtet sind die neuen Designerdrogen nicht nur gefährlich, sondern auch überflüssig.
DIE ZEIT:
Warum?
Rücker
Es gibt etablierte Drogen, die eine beabsichtigte Wirkung relativ zuverlässig erzielen. Aber die sind eben verboten und meist gut nachzuweisen. Neue Substanzen hingegen lassen sich nicht nachweisen – sind aber zum Teil extrem gefährlich. Es kommt hier immer wieder zu Todesfällen, gerade bei Mischkonsum.
DIE ZEIT:
Wie schwer ist es, solche Substanzen herzustellen?
Rücker
Leider sehr einfach. Im Grunde kann das jeder ambitionierte Hobbychemiker.
DIE ZEIT:
Diese Stoffe werden im Internet oft als Badesalz oder Räuchermischung angeboten. Jetzt will die EU-Kommission sie schneller identifizieren und verbieten lassen.
Rücker
Das wird nichts bringen. Je größer der Druck wird, desto schneller werden immer neue Stoffe auf den Markt kommen, die weitere ungeahnte Gefahren bergen.
DIE ZEIT:
Was tun?
Besser wäre es, bekannte, möglichst harmlosere Drogen zu legalisieren
Rücker
Besser wäre es, bekannte, möglichst harmlosere Drogen zu legalisieren. Den legalen Konsum gefährlicher Drogen muss man dagegen eindämmen. Dazu zähle ich insbesondere Nikotin und Alkohol. Es gibt 170 000 tote Raucher im Jahr und 42 000 Alkoholtote – die Zahl aller anderen Drogentoten insgesamt liegt nur bei 1000. Die Wirkung von Alkohol ist zudem unberechenbar, da können sich mal Euphorie und Gelöstheit einstellen, aber auch Koma oder extreme Aggressivität. Aus Sicht des Konsumenten, der vielleicht nur etwas Entspannung will, ist das im Gegensatz zu vielen anderen Drogen nicht steuerbar.
DIE ZEIT:
Alkohol zu verbieten dürfte aber nahezu unmöglich sein.
Rücker
Aber man könnte zumindest Cannabis legalisieren, dessen Wirkung über lange Zeit gut erforscht wurde. Das gibt den Menschen die Möglichkeit, eine im Vergleich zu den Designerdrogen relativ harmlose Droge zu konsumieren, ohne dabei kriminell zu werden.
DIE ZEIT:
Die Zahl der Cannabis-Konsumenten in Deutschland würde explodieren.
Rücker
Vordergründig ja. Aber die Zahl der Gesamtkonsumenten bliebe gleich, denn der Wechsel zu Cannabis dürfte die Zahl der Alkoholrausch-Konsumenten und sogar die der assoziierten Gewalttaten sinken lassen.

Quelle: DIE ZEIT N° 40 / 2013

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