Keine Verfügbarkeit von Substitol – was nun?

Warum kann ein hochwirksames Medikament einfach vom Markt genommen werden?

Seit etwa Juni 2021 gibt es in ganz Deutschland keinen Zugriff mehr auf Morphinsulfat (Substitol). Seit 2015 hat das Substitut aus Österreich eine regelrechte Erfolgsstory geschrieben. Substitol gilt als extrem verträglich, nebenwirkungsarm, oft wird kein Beikonsum mehr benötigt und körperliche Effekte wie zum Beispiel strakes Schwitzen, Einschränkung der Libido oder Übelkeit und das als unangenehm empfundene „Anfluten“ der Substanz – wie bei Polamidon – bleiben aus. Für viele, die das Glück hatten, die sehr strengen „Aufnahmebedingungen“ für eine Substitutionsbehandlung mit Substitol (Morphinsulfat) zu erfüllen, war die Behandlung eine echte Bereicherung und eine Steigerung der Lebensqualität. Aber: um überhaupt in den Kreis derer aufgenommen zu werden, die das „Recht“ bekamen, Substitol im Zuge ihrer Substitutionsbehandlung verschrieben zu bekommen, musste man belegen können, dass der Einzelne mit den anderen Substituten – wie Metadon, Polamidon, Subutex oder anderen – nicht klar kommt- Außerdem sollte man schon eine oder mehr Therapien abgeschlossen haben und eine gewisse Zeit stark abhängig sein. Das bedeutet, der Zugang zu Substitol war in Deutschland von Beginn an schon mit Hürden verbunden. 

Ende des Lieferengpass Substitol 200 mg Hartkapsel, retardiert

Meldung Lieferengpass: 07.05.2021

Letzte Meldung: 10.03.2022

Beginn des Lieferengpasses:

  • 60 Hartkaps., retardiert (PZN: 11870891), 120 Hartkaps., retardiert N3 (PZN: 11870922): 01.05.2021
  • 10 Hartkaps., retardiert N1 (PZN: 11870879), 90 Hartkaps., retardiert N2 (PZN: 11870916) : 16.06.2021
  • 30 Hartkaps., retardiert (PZN: 11870885): 07.07.2021

Ende des Engpasses: 30.06.2022

Quelle: https://www.gelbe-liste.de/lieferengpaesse/lieferengpass-substitol-200-mg-hartkapsel-retardiert

Wie war das mit Subutex – damals?

Ob diese Hürden dann auch zukünftig noch Sinn machen, gerade wenn das Substitut fast nur Vorteile mitbringt, dass steht auf einem anderen Blatt. Vor allem wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es diese vorsichtige Herangehensweise bei dem aus Frankreich kommenden „Subutex“ eben nicht gab. Es galt als sicher und wurde munter verschrieben. Es gab sogar Praxen  die versuchten ausschließlich mit Subutex zu substituieren. Aber, wenn du das nicht möchtest, musst du dir einen anderen Arzt suchen. Denn seit 2018 ist das gesetzlich Verboten, einem kranken Abhängigen lediglich ein einziges Substitutionsmedikament alternativlos zur Verfügung zu stellen und anderenfalls die Versorgung zu verweigern.

Von Substitol zu Compensan

Nun, Ärtzte behaupteten, dass es im September wieder Substitol (Morphinsulfat) in der normalen Substitutionstherapie wieder geben soll. Dies ist offensichtlich nicht der Fall. Und mal wieder ist es so, dass der Patient in der Substitution der letzte ist, der verbindliche Informationen bekommt – sowohl vom Arzt als auch vom Apotheker oder der Ärztekammer. Und mal ehrlich: wer weiß denn überhaupt, an wen man sich in dieser Situation wenden kann?

Nun zu „Compensan©“. Compensan© ist ebenfalls retadiertes Morphinsulfat und kann ohne weiteres vom Arzt ersatzweise bestellt werden. Compensan© wird von GL-Pharma vertrieben und von den Krankenkassen voll bezahlt – das geht aus mehreren Publikationen – sowohl der Krankenkassen als auch von GL-Pharma hervor. Bei einem Gespräch mit einer Ärztin, die im Juli noch selber ihren Patienten angeboten hat, Compensan© zu bestellen, kam heraus, das sie das inzwischen angeblich nicht mehr besorgen kann, da „die Apotheke nicht mitspielt“.(!)

Diese unfassbar lapidare Aussage galt es zu hinterfragen. Und so habe ich mich aufgemacht, bin in eine mir bekannte Apotheke gefahren um mich zu informieren. Und ein Gespräch mit dem Leiter der Apotheke ( ist immer ein Pharmazeut – also argumentiert hier ein Arzt auf Augenhöhe ) hat mir zumindest ein wenig die Augen geöffnet. Denn: diese Ärztin verweigert ihre eigene Verantwortung in dieser Sache.

Aber, es geht noch weiter:

Zunächst einmal ist diese verdrehte Logik – ein Patient muss selbst bei einer Apotheke vorsprechen um Informationen zur Verfügbarkeit eines Medikamentes zu bekommen – Teil eines perfiden Systems, welches wir als „Substitution“ kennen.

Zwischen 2007 und 2018 hat sich etwas im Selbstverständnis der Suchtmittelverordnung verändert

Wahl des Substitutionsmedikamentes: Gesetzliche Grundlagen und fachliche Kriterien:
*Novelle der Suchtgiftverordnung März 2007 §23c
* Mittel der ersten Wahl sind Methadon und Buprenorphin
* nur bei „Unverträglichkeit“dürfen andere Substitutionsmittel
verschrieben werden
*Aus fachlicher Sicht kann keine Empfehlung für ein Mittel der
ersten Wahl festgelegt werden. Die in Österreich verfügbaren
Substitutionsmittel sind grundsätzlich als gleichrangig einzustufen
(ÖGABS Konsensusstatement 2009)
*Substitutionsmittel unterscheiden sich in vielen Parametern, z.B:
Pharmakokinetik, Rezeptorkinetik, Verstoffwechselung,
Wirkdauer (Einnahmemodus!), Wirkungs- und
Nebenwirkungsprofil, Arzneimittelinteraktionen ….
*Novelle der Suchtgiftverordnung ab 1.1.2018
Kein Mittel der Ersten Wahl!

Substitutionstherapie: Was noch gesagt werden muss!

Also: die Novelle der Suchtmittelverordnung von 2018 hat festgestellt, dass es kein Mittel der ersten Wahl in der OST (Opioiduntertützten-Substitutionstherapie) geben kann, da eben Menschen keine Maschinen sind, sondern auf unterschiedliche Arzneimittel auch untrschiedlich reagieren.

Leider ist es so, dass in strukturschwachen Gegenden – wie dem Westerwald – Ärzte mehr als in Großstätten die „Macht“ haben solche illegalen, weil nicht rechtskonformen Praktiken umzusetzen.

Quellen und weiterführende Informationen:

https://www.jes-bundesverband.de/2021/07/retardiertes-morphin-zur-substitution-wieder-verfuegbar/

Umfrage der Deutschen Aidshilfe zum Thema:

https://jesnrw.de/umfrage-substitution/

Praktische Durchführung der
Substitutionsbehandlung

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