Psycholytische Therapie (Psycholyse)

Psycholyse: Die substanz-unterstützte Psychotherapie

Psycholyse-Albert Hofmann
Albert Hofmann

Die Psycholyse, bzw. die „Psycholytische Psychotherapie“ ist im Grunde warscheinlich eine der ältesten Therapieformen überhaupt.

Das Wort „psycholytisch“ lässt sich gut übersetzen mit „auflösen von seelischen Spannungen und Konflikten„.
Worum aber geht es in dieser speziellen, Substanz-unterstützten Therapieform?

Zunächst können wir innerhalb der Substanz-unterstützten Therapien zwei grobe Unterscheidungen treffen:

  • Die „Psychedelische Therapie„, bei der durch die Vergabe einer relativ hohen Menge an MDMA, Psilocybin, Ketamin oder LSD versucht wird, eine sogenannte Gipfelerfahrung („peak experience“) auszulösen, in der Hoffnung, so Veränderungsprozesse im Klienten zu initiieren.
  • Die „Psycholytische Therapie„, (von griech. lysis = „Auflösung“), bei der durch die Vergabe einer relativ geringen Menge an Wirkstoff über mehrere Sitzungen versucht wird, den therapeutischen Prozess zu vertiefen.
Diese Verfahren nutzten die Eigenschaft halluzinogener (und auch atypischer) Psychedelica, um eine Stimulation der Affektivität und einen traumartigen Erlebnisfluss bei klarem Bewusstsein und gutem Erinnerungsvermögen zu erzeugen. Die psycholytische Methode bedeutet theoretisch als auch in der klinischen Praxis eine Ausweitung und Modifikation der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie.

Die Geschichte der Psycholyse

Die kulturhistorischen Anfänge dieser Therapieform liegen im Beginn der Menschheitsgeschichte. Zu jeder Zeit hat der Mensch einzelnen Substanzen eine heilende und transformierende Eigenschaft zugesprochen.
Diese Substanzen waren und sind in der Regel eingebettet in einen kulturellen Zusammenhang, in tradierte Konventionen und spielen oft eine große Rolle in Zeremonien und Ritualen, vor allem in (noch) nicht domestizierten Volksgruppen.

Die entscheidenden Impulse zur weltweiten Einstellung der Psycholytischen und Psychedelischen Therapie kamen aus der politischen Reaktion auf die Jugendbewegung der 60er Jahre:
„Drogen“ wurden identitätspolitisch von Teilen der Jugendbewegung überhöht und dienten zugleich deren Gegnern propagandistisch als Symbole anti-sozialer Tendenzen.

(aus: „Therapie mit psychoaktiven Substanzen“, siehe unten)
(siehe auch: Augmentierte Psychotherapie).

Die Substanz-unterstützte Psychotherapie hat zum einen eine eher lockere Anbindung an akademische Institutionen, zum anderen lässt sich diese Therapieform nicht an eine konkrete Person ursächlich binden.

Die Väter der substanz-unterastützten Psychotherapie

In der Vergangenheit haben sich aber einige Forscher mit ihren Erfahrungen und Publikationen besonders hervorgetan. Dazu zählen vor allem Hans-Carl Leuner, Stanislav Grof, Peter Gasser, Peter Oehen, Franz Vollenwaider und auch Menschen wie Samuel Widmer.

Peter Gasser ist Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie

Psychotherapeutische Richtlinien in der Psycholyse:

Die Substanz-unterstützte Psychotherapie ist eher ein Konglomerat von Ansätzen als eine einheitliche Schule. Sie ist tendenziell tiefenpsychologisch orientiert und wurde seit den 60er Jahren auch stark von sogenannten experimentellen, humanistischen Psychotherapieverfahren beeinflusst. Auch das Verbot von LSD, Psilocybin und MDMA hat in der Vergangenheit eine sozialkritische Tendenz bei einigen der Vertretern bestärkt.

Substanzen wie MDMA, LSD oder Psilocybin sind sogenannte Entheogene, diesen Substanzen wird also eine „die Seele öffnende“ Eigenschaft zugeschrieben. Allerdings lässt sich die Wirkung – beispielsweise von LSD aufgrund seiner Pharmakologie nicht exakt vorhersagen, sondern sie beinhaltet komplexe psychologische Wirkmechanismen und wird von ihnen gesteuert.

Das ist der Grund, warum die Psycholytische Therapie immer in einen therapeutischen Gesamtzusammenhang eingebettet ist. Das bedeutet, der Klient befindet sich zunächst in einer eher klassischen Therapiesituation mit Angeboten von Einzel- und Gruppensetting – und das, ohne die Vergabe irgendwelcher Substanzen.

Erst im Verlauf der Therapie wird mit genauer Absprache des Therapeuten eine individuell festgelegte Sitzung mit der Substanz durchgeführt. Im weiteren Verlauf der Therapie wird anschließend versucht, die gemachten Erfahrungen in den eigenen Lebenszusammenhang zu integrieren. Dieser Prozess von (Gesprächs) Therapie, Substanzerfahrung und Integration des Erfahrenen ist typisch für die Psycholyse.

Durch die Vergabe von psychoaktiven Substanzen soll innerhalb des therapeutischen Settings eine alternative Erfahrung des Selbsts ermöglicht werden. Diese alternative Erfahrung der eigenen Lebenswelt, der Konflikte, Symptome und der sozialen Beziehungen soll im weiteren psychotherapeutischen Prozess vertieft werden und in der Folge Veränderungspotenziale entfalten.

Störungsrelevante neuropsychologische Komplexe werden aktiviert und im nächsten Schritt „überschrieben“, so zum Beispiel beim Trauma.

Diagnostische Kriterien der Psycholyse (Substanz-unterstützte Psychotherapie):

Kontraindikationen:

  • Diese Behandlung eignet sich nicht für Psychotiker oder extrem paranoide Menschen
  • Zurückhaltung bei Mernschen mit Suchtproblematik in der Biografie
  • Nicht geeignet für Borderliner

Motivation:

  • Stabile Lebenssituation
  • Psychische Stabilität
  • Integration vorheriger Erfahrungen erreicht
  • innere Bereichtschaft zur Veränderung
  • Offenheit für therapeutische Interventionen

Die einzelnen Vefahren – Psycholytische Therapie und Psychedelische Therapie:

Psychoanalytische Individualtherapie mit eingeschobenen ambulanten oder stationären psycholytischen Einzelsitzungen und deren Nachbearbeitung im psychoanalytischen Einzelsetting.

  • Ambulante oder stationäre psychoanalytische Einzeltherapie mit regelmäßigen psycholytischen Einzelsitzungen im stätionären Rahmen und gruppentherapeutischer Nachbereitung des Erlebten
    (als Variationsform: „stationäre Intervallbehandlung“).
  • Tiefenpsychologische Gruppentherapien mit eingestreuten psycholytischen Gruppensitzungen und anschließender Durcharbeitung in der Gruppe.
  • Gruppentherapeutische Vorbereitung und (hochdosierte) Verabreichung der Substanzen im supportiven (unterstützenden) stationären Gruppensetting mit „psychedelischer“ Methodik und Zielsetzung.

Therapie mit psychoaktiven Substanzen

Therapie mit psychedelischen Substanzen
Therapie mit psychedelischen Substanzen

Henrik Jungaberle / Peter Gasser / Jan Weinhold / Rolf Verres:

Das vorliegende Buch ist Produkt eines interdisziplinären Dialogs zwischen Medizinern, Sozialwissenschaftlern und Psychotherapeuten.

Die Psychotherapie mit Halluzinogenen wie LSD und Entaktogenen wie MDMA (Ecstasy) findet nach einer Unterbrechung von drei Jahrzehnten wieder großes Interesse. In einem Zeitfenster von sechs Jahren war es in der Schweiz möglich, mit LSD und MDMA Psychotherapien durchzuführen und dabei wichtige Erfahrungen zu sammeln. Diese werden erstmals systematisch dargestellt und durch Beiträge namhafter Forscher und Therapeuten ergänzt. Das Buch informiert über Geschichte und State-of-the-Art Substanz-unterstützter Psychotherapie. Psycholytische und psychedelische Behandlungsansätze werden erläutert. Potenziale, Risiken und Nebenwirkungen werden bewertet. Die Autoren diskutieren die Relevanz dieser Therapieform für Medizin und Gesellschaft. Das Buch ist Produkt eines Dialogs zwischen Medizinern, Sozialwissenschaftlern und Psychotherapeuten.

422 Seiten

978-3456846064 (ISBN)

Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie

LSD-Psychotherapie

Der Autor Stanislav Grof gibt einen Überblick über die Geschichte der LSD-Therapie und ihre theoretischen Grundlagen. Er konzentriert sich dabei auf die praktischen Aspekte der von ihm entwickelten therapeutischen Vorgehensweisen: die Vorbereitung des Patienten, die Methodik der Durchführung von Sitzungen, Indikationen und Gegenindikationen, die t herapeutischen Resultate und das Problem von Nebenwirkungen und Komplikationen.

Psychedelische Therapie/Psycholyse PDF Zum Thema

Forschungsbedarf, Redebedarf, Konferenzbedarf – das Programm der Drug Science 2017 in Berlin. Es ging um die Gefahren, die vom Konsum psychoaktiver Substanzen ausgehen, aber auch um ihren therapeutischen Nutzen. Neue Ansätze in der Prävention, der Behandlung und der Schadensminimierung.

Drug-Science 2017 PDF-Download

Forschungsbedarf, Redebedarf, Konferenzbedarf – das Programm der Drug Science 2017 in Berlin. Es ging um die Gefahren, die vom Konsum psychoaktiver Substanzen ausgehen, aber auch um ihren therapeutischen Nutzen. Neue Ansätze in der Prävention, der Behandlung und der Schadensminimierung.


LSD und Psilocybin in der Therapie

Podcast zum Thema Ketamin in der Psychotherapie

Im Nachtleben feiert Ketamin im Berliner Raum seit einigen Jahren ein großes Revival. Es kann aber auch bei Depressionen eingesetzt werden, zum Beispiel als Nasenspray bei akuter Suizidalität. Auch als Ergänzung zur therapeutischen Behandlung ist Ketamin sinnvoll. Wie Ketamin als Medikament in der Psychotherapie eingesetzt werden kann und was der Unterschied zum Konsum in der Freizeit ist, erfahrt ihr in dieser Folge mit dem Experten Sergio Pérez Rosal.


Usona-Institut: Psychedelika in der Therapie

Weiterführende Links zum Thema Psycholytische Psychotherapie

In letzter Zeit hat es eine Erneuerung der Humanforschung mit klassischen Halluzinogenen (Psychedelika) gegeben. Dieses Papier diskutiert zuerst kurz die einzigartige Geschichte der menschlichen Halluzinogenforschung und geht dann auf die Risiken der Halluzinogenverabreichung und Schutzmaßnahmen zur Minimierung dieser Risiken ein. Obwohl Halluzinogene physiologisch relativ sicher sind und nicht als Suchtmittel gelten, birgt ihre Verabreichung einzigartige psychologische Risiken.

Johnson M, Richards W, Griffiths R. Human hallucinogen research: guidelines for safety. Journal of Psychopharmacology.


Trope A, Anderson BT, Hooker AR, Glick G, Stauffer C, Woolley JD. Psychedelic-Assisted Group Therapy: A Systematic Review. J Psychoactive Drugs.


Watts R, Day C, Krzanowski J, Nutt D, Carhart-Harris R. Patients’ Accounts of Increased “Connectedness” and “Acceptance” After Psilocybin for Treatment-Resistant Depression. Journal of Humanistic Psychology.


Die MIND Foundation ist eine europäische gemeinnützige Wissenschafts- und Bildungsorganisation, die die psychedelische Forschung und Therapie fördert. Unsere Arbeit baut auf dem neurobiologischen und psychologischen Potenzial von Psychedelika auf, um die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden in einem klinischen Umfeld zu verbessern; für die die wissenschaftliche Basis stetig wächst.


Was ist psycholytische Therapie? – Die Entwicklung der psycholytischen Psychotherapie. Von Prof. Dr. Torsten Passie


Die psycholytische Behandlung wurde seit den 1950er­Jahren entwickelt. Psycholyse heißt wörtlich übersetzt: die Seele auflockernd/lösend. Sie ist eine Methode, welche die Wirksamkeit psychotherapeutischer Prozesse mit Medikamenten unterstützt. Diese Pharmaka werden jedoch nicht täglich eingenommen, sondern nur wenige Male im Rahmen einer mehrjährigen Psychotherapie verabreicht.

Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie, SÄPT


Evaluation of 3,4-Methylenedioxyamphetamine (MDA) as an Adjunct to Psychotherapy: Naranjo C. · Shulgin A.T. · Sargent T.

Filed under: therapieTagged with: , , ,

No comment yet, add your voice below!


Kommentar verfassen