Substitution

Die Substitution, auch Opioidsubstitutionstherapie (OST) genannt

Als gesellschaftliche Zielvorstellung ist Abstinenz Ausdruck einer totalitären Phantasie


In den Fällen, in denen verdeckter „Bei“-Konsum als ein Begleitsymptom einer zugrunde liegenden Behandlung vorliegt, ist es unzweckmäßig, diesen zu verbieten (und damit zu tabuisieren und dem ärztlichen Einfluss zu entziehen)
Aus: Die Novelle der Suchtmittelverordnung

Substitution: Ein zweischneidiges Schwert

Eine Substitutionsbehandlung kann dir helfen, dich gesundheitlich und sozial zu stabilisieren, ohne Beschaffungsstress zu leben und deinen Drogenkonsum zu reduzieren, oder sogar ganz aufzugeben. Diese positiven Erfahrungen machen in Deutschland mittlerweile etwa 70.000 Menschen! Die Substitution anzunehmen ist aber auch das Eingeständnis, das du es nicht geschafft hast.

Substitution: Gesetzliche Grundlagen

Die gesetzlichen Grundlagen für die substitutionsgestützte Behandlung sind das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) sowie das Arzneimittelgesetz (AMG). Ergänzend sind die Richtlinien der Bundesärztekammer, zur Durchführung der substitutionsgestützten Behandlung Opiatabhängiger, zu berücksichtigen.
Die substitutionsgestützte Behandlung ist eine therapeutische Möglichkeit, um bei Opiatabhängigen, die bisher mit anderen Maßnahmen (wie eine Therapie) nicht „erfolgreich“ behandelt werden konnten. ein möglichst gesundes Leben zu sichern.

Es ist unheimlich sinnvoll, die Inhalte des BtMG 3, (Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln), der BtMVV, des AMG und der „Novelle der Suchtmittelverordnung“ zu kennen. Das hört sich nun etwas umfangreich an und das ist es auch. Deshalb dieser Artikel.

Im Dialog mit einem Arzt kann es manchmal helfen, wenn man sich als sachkundig erweist. Manchmal. Wenn man in bestimmten Situationen allerdings mit der deutschen Gesetzeslage kommt, kann es auch sein, dass ein Arzt langfristig lieber die Behandlung einstellen möchte. Wie auch immer: Informiert zu sein gehört bei einem so wichtigen Lebensthema einfach dazu.

Nicht umsonst wurde am Beginn des Artikels die „Novelle der Suchtmittelverordnung“ zum Thema Beikonsum zitiert. Und auch der Terminus „kontinuierliche Versorgungssicherheit“ sollte bekannt sein. Überraschenderweise sind die Richtlinien der OST durchaus modern.

Die Substitutionsbehandlung und die Pflichten eines Arztes

Jeder kennt die „Pflichten eines Substituierten„, aber wer weiß denn schon was über die Pflichten eines Arztes dem Patienten gegenüber? Fragen wie: „Kann ich einfach rausgeschmissen werden?“ oder „Ist mein Arzt verpflichtet, mir den Zugang zu meinem Substitut kontinuierlich zu ermöglichen?“. Und was bedeutet das überhaupt in der Umsetzung?(zu 1. Nein, zu 2. Ja!)

Die Substitutionsbehandlung ist immer noch durchsetzt von Ärzten, die eben primär finanzielle Aspekte im Auge haben. Es lässt sich unheimlich schnell, sehr viel Geld mit Substituierten verdienen. Und da die meisten „Abhängigen“ nicht gerade bekannt dafür sind, ein Überschuss an Selbstbewusstsein zu haben, sondern im Gegenteil, oft die Erfahrung von Ausgrenzung, Ablehnung und Selbstzweifel gemacht haben, nutzen einige Ärzte das schamlos aus.

Wer mehr zu den Pflichten eines Arztes wissen möchte, liest hier nach:

Hier die BtMVV als PDF-Download

Und als Link: BtMVV im Internet

Ziele der Substitutionsbehandlung

  • die Sicherstellung des Überlebens
  • die Besserung und Stabilisierung des Gesundheitszustandes
  • die Abstinenz von unerlaubt erworbenen oder erlangten Opioiden (und nicht die Abstinez von anderen Substanzen)
  • die Unterstützung der Behandlung von Begleiterkrankungen oder
  • die Verringerung der durch die Opioidabhängigkeit bedingten Risiken während einer Schwangerschaft sowie während und nach der Geburt.

Ziel einer Substitutionsbehandlung ist – bei entsprechender Indikation – eine Teilhabe am sozialen Leben und – soweit machbar – die Integration in das Berufsleben. Ein (Wieder)Aufbau familiärer und freundschaftlicher Kontakte.

Eine Verbesserung der körperlichen und geistigen Situation ist ebenso Ziel, auch einfach wieder einem Hobby nachgehen zu können und in den Urlaub zu fahren (siehe unten), abends Freunde zu treffen und Essen zu gehen. Manchmal muss der Ein oder Andere es wieder lernen, seine Post zu öffnen und sie zeitnah zu beantworten. Behördengänge stellt Einzelne vor große Herausforderungen, weil diese Erfahrungen oft negativ besetzt sind.

Eine Verelendung soll vermieden werden und insgesamt ein menschenwürdiges Leben möglich sein. Aber auch heute noch spielt die Vermeidung und Behandlung infektiöser Krankheiten, wie Hepatitis-C, B, A und HIV, eine zentrale Rolle.


In den Urlaub mit Betäubungsmitteln

Nach den Bestimmungen der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) darf ein Arzt für Patienten Betäubungsmittel in angemessener Menge für insgesamt 30 Tage im Jahr verschreiben. Dabei gilt als „Jahresbeginn“ das Datum der Erstverordnung des Substitutes!

Der Patient darf die aufgrund ärztlicher Verschreibung erworbenen Betäubungsmittel in der für die Dauer der Reise angemessenen Menge als Reisebedarf aus- oder einführen.

Reisen mit Betäubungsmitteln BfArM

Tägliche Vergabe – also unmittelbarer Verbrauch – oder Mitgabe?

Eines der großen Streitthemen in der Substitution ist die Frage, ab wann ein Patient denn nun sein Medikament ganz normal über ein Rezept in der Apotheke abholen kann. Es gibt hier zwei verschiedene Termini, das „Überlassung des Substitutionsmittels zum unmittelbaren Verbrauch“ oder halt „Das Substitutionsmittel zur eigenverantwortlichen Einnahme mitgeben„.

  1. Zunächst kann ein Arzt das verschriebene Substitut dem Patienten in der genannten Einrichtungen zum unmittelbaren Verbrauch überlassen. Was er auch tut. Ergo: Tägliche Vergabe auf Sicht. (was zunächst auch die Regel ist)
  2. Abweichend darf der substituierende Arzt dem Patienten das Substitutionsmittel zur eigenverantwortlichen Einnahme, ausnahmsweise dann verschreiben, wenn …
  • die Kontinuität der Substitutionsbehandlung des Patienten nicht anderweitig gewährleistet werden kann, (dieser unscheinbare Satz hat es in sich)
  • der Verlauf der Behandlung dies zulässt (gemeint ist: saubere Uk, regelmäßiges Erscheinen)
  • wenn Risiken der Selbst- oder Fremdgefährdung so weit wie möglich ausgeschlossen sind
  • die Sicherheit und Kontrolle des Betäubungsmittelverkehrs nicht beeinträchtigt werden (hier wird dem Patienten einfach unterstellt, er würde sein Substitut irgendwo verkaufen)

In den genannten Fällen darf das Substitut für folgende Zeiten verschrieben werden:

  • In der, für bis zu zwei aufeinanderfolgenden Tage, benötigten Menge
  • oder in der Menge, die benötigt wird, für die Wochenendtage: Samstag und Sonntag und für dem Wochenende vorangehende, oder folgende Feiertage (auch einschließlich eines dazwischen liegenden Werktages)
  • höchstens jedoch in der für fünf Tage benötigten Menge.

Sobald und solange der substituierende Arzt zu dem Ergebnis kommt, dass du nicht mehr täglich in seine Praxis kommen musst, darf er dem Patienten Substitutionsmittel zur eigenverantwortlichen Einnahme in folgenden Mengen verschreiben:

-grundsätzlich in der für bis zu sieben Tage benötigten Menge oder

-in begründeten Einzelfällen in der für bis zu 30 Tage benötigten Menge.

Für die Gewährung der Mitgabe des verschriebenen Substitutionsmedikaments über
mehrere Tage sprechen die damit verbundene Förderung von autonomer Lebensgestaltung,
beruflicher und sozialer Integration, die Aufrechterhaltung von sozialen Rollen sowie die
Reduktion von Beikonsum und die Erhöhung der Haltequote. Restriktionen bei der Mitgabe
können eine soziale Destabilisierung bewirken, sowie die Kooperationsbereitschaft der
Patientinnen/Patienten vermindern. Aus: LEITLINIE –QUALITÄTSSTANDARDS- OPIOID-SUBSTITUTIONS-THERAPIE

Alles das darf ein Arzt tun, er muss es aber nicht.

Nur Nebenbei: Wenn dein Arzt dir sagt: „Ich denke du verkaufst dein Pola auf der Straße, deshalb gebe ich dir nichts mit„, dann hast du Pech gehabt. Er ist nicht etwa in Beweispflicht. Rechtlich ist der Arzt zwar verpflichtet die Kontinuität der Substitutionsbehandlung zu gewährleisten – zum Beispiel, wenn man einen Termiin beim JobCenter hat und deshalb nicht zur Vergabe kommen kann. In der Realität kommt es allerdings immer wieder zu Situationen, in denen ein Arzt ganz klar gegen deutsches Patientenrecht verstößt. Er wird aber fast nie angezeigt, weil die meisten Substituierten die BtMVV nicht gelesen haben, oder das Gefühl haben, sie müssten dem Arzt irgendwie in besonderer Weise dankbar sein.

Die Take-Home-Verordnung und plötzlich problematischer Cannabis-Konsum

Neben den am meisten verschreibungsfähigen Substituten seit 1985, gibt es inzwischen einige Neue, die viele Vorteile als Arzneimittel haben. Hier stellen wir einige vor. Wir möchten auch die Hemmschwelle verringern, sich zu einer Substitutionsbehandlung anzumelden, obwohl es viel Kritik an der OST gibt. Das Leid und die unfassbar schwierige Art und Weise, jeden Tag aufs Neue, sich selbst das Heroin zu besorgen, können gelindert werden und ein menschnenwürdiges Leben kann möglich werden – zwar nun in Abhängigkeit von einem Arzt – aber nicht mehr von Achmed, Peter oder Gregor am Hauptbahnhof.

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass man immer noch, jeden Tag aufs Neue, mit der Tatsache konfrontiert ist, dass man eben abhängig ist. Nun aber bekommt man unter kontrollierten Bedingungen sein Substitut von einem Arzt, bzw. einer Ärztin. Eine Substitutionsbehandlung macht nur dann Sinn, wenn du dich klar dafür entschieden hast und das Vertrauen zwischen dir und dem Arzt wachsen kann. Bis man sein Substitut per Rezept in einer Apotheke selbst abholen kann, wird es leider etwas dauern.

Substitution in der Stadt – Substitution auf dem Lande

In Berlin oder Hamburg ist es zum Beispiel überhaupt kein Problem, wenn der Patient Cannabis konsumiert und das offen kommuniziert. „Auf dem Land“ aber, in s.g. „strukturschwachen Gebieten“ (Westerwald, Bayern), führt der Konsum von Cannabis zum Ausschluß der Möglichkeit einer „Take-Home-Verordnung„! Und hier handelt der Arzt völlig losgelöst von einer rechtlichen Grundlage. Es gibt nämlich kein Gesetz, welches besagt, dass ein Patient sein verbrieftes Recht auf die Take-Home-Mitgabe, aufgrund von Abbauprodukten des THC im Urin, verliert.

In der Praxis bedeutet das Leben auf dem Lande also, dass man jahrelang, wirklich jeden Tag zum Arzt rennen darf, um „auf Sicht“ sein Medikament einzunehmen. Egal wie alt man ist, oder wie verlässlich man sonst so ist. Täglicher Alkoholkonsum bleibt bedeutungslos und wird nicht kontrolliert oder sanktioniert (auch bei 1000 mg Morphinsulfat nicht!). Wer diesen Gedanken weiter denkt, glaubt wohl hier werden Räuberpistolen ausgepackt.

Methadon und Polamidon (Levomethadon)

Methadon bzw. Polamidon behandeln wir hier nur am Rande, weil wir diese Substitute einfach nicht empfehlen möchten und können. Methadon wird vollsynthetisch hergestellt, im Gegensatz z. B. zu Heroin, das halbsynthetisch aus dem natürlichen Opium-Alkaloid Morphin hergestellt wird. Chemisch-strukturell und im Wirkprofil, unterscheidet sich Methadon sehr deutlich von Morphin und Heroin. Einige Substituierte bauen Methadon schneller ab (sogenannte „fast metabolizer“), sodass es zum Ende eines 24-stündigen Dosierungsintervalls zu Entzugssymptomen kommen kann, und hier u. U. eine Abgabe in zwei Tagesdosen erfolgen muss.

Ein Ausschleichen von Methadon kann sich über mehrere Monate hinziehen und ab einer bestimmten Restmenge kann es zu sehr unangenehmen Entzugserscheinungen kommen, wie wochenlanges (!) Wachsein, ständiges Gliederreissen und extremes Graving.

Viele Betroffene ärgern sich – auch über den Arzt – weil sie vorher nicht wussten, dass der Ausstieg aus der Opiatabhängigkeit mit Methadon als Substitut kaum mehr möglich ist. Vor allem, wenn sehr junge Menschen ohne therapeutischen Vorlauf, vom Arzt auf Methadon gesetzt wurden.

Vor kurzem erst sprach ich mit einem 23-jährigen jungen Mann, der seit 5 Jahren von seinem Arzt Methadon bekommt. Und das, ohne einen therapeutischen Vorlauf (er hat also nie eine Therapie gemacht), oder auch nur den Versuch zu unternehmen, ihn zunächst zu Entgiften und auf sozial-pädagogischer Ebene zu erreichen.

Es darf nicht vergessen werden, dass Methadon/Polamidon (neben Codein) die Substitute der ersten Stunde sind. Inzwischen sind über 35 Jahre vergangen und es gibt sehr gute Alternativen.

Subutex: das vollsynthetische Buprenorphin

Buprenorphin ist ein vollsynthetisch hergestelltes Opioid, welches seit 2000 hier in Deutschland verfügbar ist. Zunächst wurde es in Frankreich hergestellt und in der Behandlung krebskranker Patienten unter dem Namen Temgesic, in einer Packungs-Dosierung von 0,2 mg Sublingual-Tabletten, angeboten. Es ist durchaus übliche Praxis, Substituierte in wesentlich höheren Dosen zu behandeln. So liegen die durchschnittlichen Dosierungen hier bei etwa 4 mg – 24 mg Tagesdosis.

Buprenorphin ist als partieller Agonist sehr „klar“ und kaum sedierend in seiner Wirkung. Richtig eingestellt, kommt es kaum zu einem Anfluten der Substanz. Diese Eigenschaften schätzen viele Anwender, andere möchten das eben nicht. Trotzdem wirkt es natürlich schmerzlindernd. Menschen mit starken Depressionen erwarten beim Subutex – wie bei anderen Opioiden, bzw. Substituten auch – eine antidepressive Wirkung. Das aber ist nicht der Fall!

Das Absetzen von „Subutex“ (Buprenorphin) ist nicht so anstrengend wie das von z. B. Methadon und dauert etwa 9-12 Tage. Die Nachwirkungen – also die Zeit, bis sich die Opioid-Rezeptoren wieder erholt haben – wird allerdings mehrere Wochen dauern. Diese Zeit ist begleitet von Depressionen, schlechter Laune, Appetitlosigkeit, Durchfall, Kraftlosigkeit und dem immer wieder aufkeimenden „Graving“ (das Verlangen nach Opiaten). Diese Zeit, in der die Opioid-Rezeptoren sich erholen, ist oft auch die Phase, in der es zu s. g. Rückfällen (also dem Konsum von Opiaten oder Opioiden) kommt.

Buprenorphin ist ein partieller Antagonist am Opioid-Rezeptor und kann bei falscher Anwendung zu starken Entzugserscheinungen führen.

Neu: Die Depotspritze mit dem Wirkstoff Bubrenorphin

Seit etwa einem Jahr ist die Depotspritze Buvidal auf dem Markt, das erste lang wirksame Buprenorphin-Präparat zur Substitutionsbehandlung. Das Mittel wird je nach Dosierung einmal wöchentlich oder monatlich unter die Haut gespritzt, der Wirkstoff wird kontinuierlich freigesetzt.

Damit ergeben sich völlig neue Perspektiven für den Betroffenen. Muß er nun nicht mehr täglich oder wöchentlich in die Arztpraxis gehen, was für viele Substituierte ohnehin ein Weg mit einigem Mißbehagen bedeutet. Nicht selten sind die Praxen auch ein Treffpunkt für „die Szene“ – und eine Behandlung, die Szenenfern sein sollte, ist mit all ihren Herausforderungen für den Betroffenen, gescheitert. Ist man in der Praxis angekommen, schaut einem schon der Pillendealer in die müden Augen und der Griff zu Benzos ist nicht mehr weit, bzw. vorprogrammiert.

Nach Gesprächen mit Betroffenen haben wir durch die Bank positives Feedback für die Depotspritze Buvidal bekommen. Vorausgesetzt das Buprenophin das Substitut der Wahl ist. Denn nicht jeder kommt mit Subutex zurecht.

Neu in der Substitution: Substitol

In Österreich schon lange, gibt es in Deutschland den Arzneistoff “Substitol” nun erst seit 2015 in der professionellen Substitutionsbehandlung. Substitol ist Morphinsulfat. Ursprünglich stammt Morphin aus dem Milchsaft der Pflanze Papaver somniferum (Schlafmohn). Alle echten Opiate haben ihren Ursprung im Schlafmohn, bzw. Rohopium.

Substitol wirkt – wie alle echten Opioide – sedierend, analgetisch, atemdepressiv und schlaffördernd. Morphin senkt den Blutdruck und die Herzfrequenz. Nur in geringen Dosen oder bei nicht-gewohntem Konsum kann Substitol auch den Rededrang fördern und agil machen. Wie alle Opiate macht Substitol körperlich stark abhöngig. Und das in kürzester Zeit.

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Schlafmohn: Papaver-somniferum

Substitol wird dann ärztlich verordnet, wenn der Patient “austherapiert” ist. Was bedeutet, dass Substitol dann verschreibungsfähig ist, wenn der Patient einen therapeutischen Vorlauf hatte, ein gewisses Alter erreicht hat und auf andere Substitute schlecht reagiert (extremes Schwitzen, Schläfrigkeit, Hautreizungen, Depressionen).

Oder, weil das Methadon, bzw. Polamidon zu schnell verstoffwechsel wird („fast metabolizer“) und die Entzugserscheinungen jeden Tag zu früh beginnen. Auch wird vermieden, Substitol an sehr junge Patienten, ohne therapeutischen Vorlauf zu verschreiben.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die meisten mit Substitol substituierten Patienten sehr gut auf das Substitut (Substitol oder Compensan) ansprechen. Morphinsulfat hat auf molekularer Ebene starke Ähnlichkeit mit Heroin.

Substitol wird in der Regel in Kapseln verschrieben, welche das Medikament retadiert – über Wachskügelchen – abgeben. Das bedeutet, das Medikament ist so aufgebaut, dass es binnen 24 Stunden, langsam vom Körper aufgenommen wird. Morphin wird überwiegend aus dem oberen Dünndarm resorbiert und unterliegt einem hohen First-Pass-Effekt.

Die Substanz wird vorwiegend in der Leber metabolisiert. Hauptmetabolite sind Morphin-3-Glucuronid und in geringerer Menge Morphin-6-Glucuronid, welches selbst biologisch wirksam ist. Nach oraler Einnahme nehmen die Blutspiegel mit einer virtuellen Halbwertszeit von etwa 16 ± 5 Stunden ab (Fachinformation Mundipharma, Januar 2015). Rund 80% des Morphins werden über den Urin und etwa 10% über die Galle mit den Faeces ausgeschieden.

Wie bei Methadon gilt auch hier, dass die Bioverfügbarkeit bei parenteraler Anwendung (beim i.v.-Konsum) wesentlich höher ist. Bei den üblichen Schnelltests auf Heroinbeikonsum erhält man bei Substitution mit retardierten Morphinen immer einen positiven Wert. Zum Nachweis von Heroinkonsum muss ein spezieller Test angewendet werden. Wird 6-Monoacetylmorphin bei mit retardierten Morphinen behandelten Patienten nachgewiesen, ist das ein eindeutiger Beweis für zusätzlichen Heroinkonsum. Ein Heroinmissbrauch lässt sich im Urin in 40 %, im Speichel in 80 % der Fälle nachweisen.

Der Entzug von Substitol (Morhinsulfat) ist wesentlich leichter als von Methadon oder Polamidon. Er dauert, mit rund 9 Tagen, etwa so lange wie ein normaler Heroin-Entzug und fühlt sich auch so an. Das liegt an der großen Ähnlichkeit der beiden Stoffe. Sie werden halbsynthetisch – aus echtem Rohopium hergestellt – und besitzen deshalb eine hohe gemeinsame Rezeptor-Affinität.

Originalstoffvergabe: Diamorphin

Seit dem Mai 2009 ist es nun auch in Deutschland möglich mit dem Originalstoff „Diamorphin“ substituiert zu werden. Das Regelwerk zur Vergabe ist extrem eng und nur für wenige – gemessen an der Zahl der Abhängigen – kommt überhaupt in Frage mit Diamorphin substituiert zu werden. Es darf nur von ärztlichen Kräften auf Betäubungsmittelrezept verschrieben werden, die eine suchtmedizinische Qualifikation besitzen. Es wird nicht in normalen Arztpraxen und Apotheken zur Verfügung stehen, sondern direkt an Einrichtungen geliefert, die ein behördlich abgesegnetes Sicherheitskonzept vorlegen.

Bisher gab es den Zwang das flüssige Diamorphin i.v. (intravenös) zu applizieren. Das die meisten Betroffenen aber durch den jahrelangen intravenösen Konsum sehr schlechte Venen haben, wurde von den Schreibtisch-Tätern nicht berücksichtigt. So mussten viele mit Diamorphin substituierte Menschen das Substitut wieder wechseln. Das beweist, dass es sinnvoll und günstiger ist, immer Betroffene in solch neue Projekte, schon bei der Planung im Vorfeld, mit einzubeziehen.

Inzwischen gibt es Versuche das Diamorphin in Tablettenform in der Vergabe zu akzeptieren.

Behandelt werden dürfen nur „Schwerstabhängige“, die die folgenden Kriterien alle erfüllen müssen: – Mindestalter 23 Jahre – seit mehr als 5 Jahren Opiatkonsum – mindestens 2 erfolglose Therapien – nicht therapierbar mit herkömmlichen Methoden wie mit Methadon.

Suboxone, Naloxon und Heroin-Beikonsum

Suboxone ist nichts anderes als Buprenorphin (früher unter dem Namen „Subutex“ vertrieben) mit Naloxon. Daher auch „Suboxone“. Man sollte niemals Heroin mit Suboxone konsumieren. Auch darf man auf gar keinen Fall das Suboxone intravenös applizieren, da das Naloxon dann sofort die Opioid-Rezeptoren besetzt und das Buprenorphin nicht wirken kann.

Naloxon wird bei einer Heroin-Überdosis verwendet, um die Opioid-Rezeptoren „freizuschießen“. Dadurch wird augenblicklich ein starker Entzug ausgelöst, die Rezeptoren werden also vom Naloxon besetzt und die Überdosis endet sofort. Naloxon wird in der Regel intravenös appliziert. Bei Buprenorphin ist Naloxon unwirksam, wird aber auch hier nicht benötigt, da eine Überdosierung eigentlich ausgeschlossen ist.


Bei oraler Einnahme wird Naloxon in der Leber verstoffwechselt (First-Pass-Effekt) und wirkt also nicht. Die Wirkdauer des Naloxon ist verhältnissmäßig kurz. Es wird im Körper innerhalb von rund 2 Stunden verstoffwechselt und abgebaut. Bei einer starken Überdosis kann deshalb der Opioid-Rezeptor wieder vom Heroin oder anderen Substituten besetzt werden, da Heroin etwa 6-7 Stunden wirkt. Ärzte achten deshalb darauf, den Behandelten längere Zeit in ihrer Obhut zu haben, damit der Verlauf beobachtet werden kann und keine Gefahr für den Konsumenten entsteht. Und das solltest du auch tun, wenn du mal in einer solchen Lage bist.

Wechselwirkungen – nicht auf die leichte Schulter nehmen

Wenn du zusätlich zu deinem Substitutionsmittel andere Drogen oder Medikamente konsumierst, kann dieser „Mix“ zu schweren gesundheitlichen Problemen führen – bis hin zu Vergiftung, Atemstillstand und sogar zum Tod.

Wenn du merkst, dass du ständig andere Substanzen nebenher konsumierst (Beikonsum), sprich mit deinem Arzt. Oft kann schon eine Erhöhung der Dosis oder ein Wechsel des Substitutionsmittels helfen, den Beikonsum zu reduzieren. Anhaltender Drogen-, Alkohol- und Medikamenten-Beigebrauch kann zum Ausschluss aus der Substitutionsbehandlung führen.

Methadon/Polamidon plus

-> Heroin: reine Geldverschwendung – die Wirkung ist nur minimal. Wer die Drogenmenge dann erhöht, begibt sich in Lebensgefahr.

-> Kokain: Lebensgefahr

-> GHB/Ketamin: hohes Risiko einer Atemlähmung, oft mit tödlichem Ausgang

-> nachträglich Subutex/Suboxone: starke Entzugserscheinungen

-> Alkohol: verstärkt Atemhemmung bis hin zum Atemstillstand/Erstickungstod

-> Benzos, Dias, Flunis, Rohypnol: bei hohen Dosen besteht Lebensgefahr!

-> HIV/Hepatitis-Medikamente: siehe Buprenorphin (Subutex/Suboxone) plus HIV/Hepatitis-Medikamente

Buprenorphin (Subutex/Suboxone) plus

-> andere Opiate: starke Entzugserschinungen möglich. Beim Spritzen von Suboxone wird dieser Effekt vertsärkt, die Entzugserscheinungen treten unmittelbar auf.

-> GHB/Ketamin: Sedierung (narkoseähnlicher Zustand); Koma und Atemlähmung möglich.

-> Benzos: können Herabsetzung der Atmung verstärken, Gefahr eines Atemstillstands

-> HIV/Hepatitis-Medikamente: Mache dieser Mittel behindern den Abbau von Drogen; das kann zu heftigen, sogar lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen.
Andere Medikamente beschleunigen den Abbau von Drogen und Substitutionsmitteln – mögliche Folgen sind Entzugserscheinungen.

Finger weg von falscher Anwendung!

Methadon und Polamidon sind Trinklösungen und durch die Beimengung von Sirup oder anderen Substanzen (z.B. Fruchtsäften) nicht zum Spritzen geegnet! Intravenöser Konsum ist mit Risiken
wie Abszessen, Herzklappenentzündungen, Venenverstopfung, Thrombosen und auch Schlaganfällen verbunden!

Auch Subutex und Suboxone sind nicht zum Sprizen (oder Sniefen) geeignet! Ablagerungen im Gewebe und in den Venen führen früher oder später zu Entzündungen und Verstopfungen
(Thrombose/Embolien), manchmal auch zum Absterben von Gewebe.

Suboxone kann darüber hinaus beim Spritzen und Sniefen zu Entzugserscheinungen führen!

Pharmakologie und Toxikologie: Ocfentanil und Fentanyl

Ocfentanil hat in Europa, bzw. in den Niederlanden und Belgien zwischen 2013 und 2015, wo sie als synthetisches Heroin (als braunes Pulver) verkauft wurden, zu mehreren Todesfällen geführt. Der Fund enthielt auch Paracetamol und Koffein. Ocfentanil ist doppelt so stark wie Fentanyl.

Ocfentanil ist ein hoch potentes synthetisches Opioid und mit Fentanyl strukturell verwandt. Ocfentanil wurde als eines aus einer Reihe von potenten Naloxon-reversiblen Opioiden in einem Versuch entwickelt, ein Opioid herzustellen, welches bessere therapeutische Wirkungen hinsichtlich der kardiovaskulären und verminderten Atemdepression aufwies. Verglichen mit Fentanyl haben
Untersuchungen der analgetischen Aktivität von Ocfentanil eine ungefähr 2,5 mal so potente Wirkung ergeben!

Bei menschlichen Freiwilligen induziert Ocfentanil eine wirksame Analgesie bei 1 µg/kg, während in Dosen von bis zu 3 mg/kg Schmerzmittel Atemdepression in einer Dosis-abhängigen Art und Weise aufgetreten ist. Während eine weitere Studie nahelegt, dass Ocfentanil so wirksam sein kann wie Morphin. Ocfentanil wurde auch als Ergänzung zur Narkose eingestezt. Dabei stellten die Forscher fest, dass es ähnlich wirkt wie Fentanyl.

Finger weg von falscher Anwendung!

Obwohl der Verkauf und Kauf von Substitutionsmitteln ohne ärztliche Verschreibung illegal ist, gibt es einen Schwarzmarkt.

Da Methadon und Polamidon aber um ein Vielfaches stärker ist als Straßenheroin, besteht ein hohes Risiko einer Überdosierung, wenn man nicht an diese Mittel gewöhnt ist.

Lebensgefahr besteht, wenn man nach einer Haftentlassung oder einer längeren Abstinenzphase Substitutionsmittel oder Drogen konsumiert – der Körper ist dann nicht mehr daran gewöhnt und es kommt schnell zu einer Überdosierung!

PDF-Download:

PDF zum Thema: Erfahrungen mit neuen Substitutionsmitteln am Beispiel von Diamorphin und Substitol


Relevanz und Auswirkungen der 3. BtMVVÄndV für die Opioidsubstitutionstherapie
Ergebnisse einer qualitativen Befragung von substituierenden Ärztinnen und Ärzten



Weblinks zum Thema Substitution

Leitlinie – Qualitätsstandards für die Opioid-Substitutionstherapie, zu finden unter der URL: Qualitätsstandards für die Opioid-Substitutionstherapie


BfArM und Substitution –Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung im Internet

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